Einsatzabteilung - Ein Übungsbeispiel
Wir üben wöchentlich. Das kann immer unterschiedlich aussehen. Wir üben den Löscheinsatz, einen Gefahrguteinsatz, den Umgang mit Feuerwehrleitern und vieles mehr. Neben den wöchentlichen, rund zweistündigen Übungen, nehmen wir uns drei bis viermal im Jahr auch Zeit für größere Übungen um das Erlernte anzuwenden und weiter auszubauen. Eine solche größere Übung bzw. Ausbildung möchten wir hier vorstellen.
Technische Hilfeleistung bei Verkehrsunfällen
Wenn nach einem Verkehrsunfall Menschen in ihren Fahrzeugen eingeklemmt sind, zählt jede Sekunde. Dann müssen Feuerwehr und Rettungsdienst Hand in Hand arbeiten: schnell, strukturiert und mit klaren Abläufen. Genau deshalb sind realitätsnahe Übungen ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Ausbildung.
Ein Beispiel dafür war unsere gemeinsame Fortbildung zur Technischen Hilfeleistung bei Verkehrsunfällen, bei der Feuerwehr, Rettungsdienst und Verletztendarsteller unter nahezu realen Bedingungen trainierten.
Theorie als Grundlage
Jede größere Übung beginnt mit der fachlichen Vorbereitung. Bevor hydraulische Rettungsgeräte zum Einsatz kommen, werden zunächst medizinische und taktische Grundlagen besprochen:
- Welche Verletzungen sind bei Verkehrsunfällen typisch?
- Welche Maßnahmen haben Priorität?
- Wie arbeiten Feuerwehr und Rettungsdienst optimal zusammen?
- Welche Rettungswege kommen je nach Fahrzeuglage infrage?
Denn technische Rettung bedeutet weit mehr als 'Auto aufschneiden'. Jede Entscheidung beeinflusst direkt die Sicherheit und Versorgung des Patienten.
In einem Theorieteil wird die Übung fachlich vorbereitet. So "rustikal" geht es bei Unterrichten und Theorie aber nicht immer zu. Natürlich verfügen wir an unseren Standorten auch über Unterrichtsräume mit modernen Unterrichtsmedien.
Vom einfachen Szenario zur komplexen Lage
Im praktischen Teil trainieren wir zunächst kleinere, klar definierte Einsatzlagen. Dabei wird bewusst realistisch gearbeitet: Häufig trifft zuerst eine Einheit ein, die noch kein schweres Rettungsgerät dabei hat. Aber auch ohne diese Ausrüstung können diese Kräfte die Lage erkunden, die Unfallstelle absichern, den Kontakt zu den Verletzten herstellen und erste lebensrettende Maßnahmen einleiten.
Erst mit nachrückenden Fahrzeugen stehen Spezialgeräte zur Verfügung, darunter z.B.:
- Rettungsschere
- Rettungsspreizer
- hydraulische Rettungszylinder
- Stabilisierungssysteme wie das Stab-Fast-System
- Hebekissen
Mit diesen Geräten werden Fahrzeuge gesichert, deformierte Strukturen geöffnet und Zugänge zu eingeklemmten Personen geschaffen.
Ein wichtiger Ort: Die Geräteablage. Sie wird mit einer Plane gekennzeichnet. Hier werden alle Geräte abgelegt, die eventuell benötigt werden. So haben die Einsatzkräfte schnell Zugriff darauf. Nur die Geräte, die unmittelbar zum Einsatz kommen, befinden sich am Unfallfahrzeug.
Realismus ist entscheidend
Damit Übungen den Ernstfall möglichst genau abbilden, arbeiten wir mit echten Unfallfahrzeugen und professioneller Notfalldarstellung. Schrottfahrzeuge werden gezielt deformiert, auf die Seite oder das Dach gelegt und so positioniert, dass anspruchsvolle Rettungsszenarien entstehen.
Besonders wichtig sind dabei die Verletztendarsteller. Sie werden realistisch geschminkt und erhalten genaue Anweisungen zu ihren 'Verletzungen', Schmerzen und Reaktionen. Dadurch müssen Einsatzkräfte nicht nur technische Probleme lösen, sondern auch medizinische Prioritäten setzen und unter Stress kommunizieren bzw. arbeiten. Wir können für die Notfalldarstellung auf ein Team des DRK Ortsverbandes Reichelsheim zurückgreifen.
So entstehen Szenarien mit:
- eingeklemmten Personen
- Fahrzeugen in Seiten- oder Dachlage
- mehreren Verletzten gleichzeitig
- unterschiedlichen Verletzungsmustern
- besonderen Herausforderungen, etwa Kindern als Patienten, unter Schock stehende Unfallzeugen
- Zusammenspiel von Technik und Menschlichkeit
Ein 'einfacheres' Szenario: Ein Fahrzeug hat sich überschlagen. Eine schwer verletzte Person ist eingeschlossen. Der Rettungsdienst hat den ersten Kontakt mit dem Patienten hergestellt, die Feuerwehr schafft gerade einen ersten Zugang durch Abspreizen der Fahrertür.
Bei der Übung nicht alleine: Während der Rettung gibt ein Ausbilder in einer komplexeren Lage Tipps und Hinweise, wie man möglicherweise besser vorgehen kann oder was Alternativen sein könnten.
Eine komplexere Lage: Drei Fahrzeuge sind verunfallt. Eines davon liegt auf der Seite. Es gibt mehrere Verletzte und Kinder sind involviert. Hier kommen nicht nur Feuerwehr und Rettungsdienst zusammen, sondern auch gleich mehrere Einheiten. Sie müssen sich untereinander abstimmen, wer an welchem Fahrzeug arbeitet und wo Prioritäten sitzen. Eventuell kann und muss sogar technisches Gerät geteilt oder gemeinsam genutzt werden.
Für den teilnehmenden Rettungsdienst sind diese gemeinsamen Übungen sehr wertvoll. Sie können gemeinsam mit der Feuerwehr Einsatzlagen von der Ankunft am Unfallort, über die technische Rettung bis hin zur Patientenversorgung im Rettungswagen üben.
Der Mensch im Mittelpunkt
Bei aller Technik steht immer der Mensch im Mittelpunkt. Ein Bild aus einer unserer Übungen zeigt es besonders eindrucksvoll: Während eine fiktiv eingeklemmte Person aus einem schwer deformierten Fahrzeug befreit wird, hält ein Feuerwehrmann ihre Hand.
Diese Geste ist kein Zufall. Während Rettungsschere und Spreizer arbeiten, kann die Situation für Betroffene extrem belastend sein: Lärm, Enge, Schmerzen und Unsicherheit. Der direkte Kontakt vermittelt Sicherheit und Vertrauen.
Technische Hilfeleistung bedeutet deshalb nicht nur Präzision und Kraft, sondern auch Empathie.
Stress für den zuerst eintreffenden Gruppenführer: Eine Unfallzeugin kam ihm entgegengerannt und fordert nun die schnelle Hilfe für die Verletzten ein. Er muss eine zunächst unübersichtliche Lage erkunden und eine seiner Einsatzkräfte für die Betreuung der Person einteilen.
Nachbesprechung: Lernen aus jedem Handgriff
Eine Übung endet nicht mit der letzten Rettung. Im Anschluss analysieren Ausbilder und Teilnehmer gemeinsam den gesamten Ablauf:
- Was lief gut?
- Wo gab es Verzögerungen?
- Waren Kommunikation und Aufgabenverteilung klar?
- Welche Alternativen hätte es gegeben?
Gerade diese Nachbesprechungen machen Übungen so wertvoll. Hier werden Entscheidungen reflektiert und Erfahrungen direkt in zukünftige Einsätze übertragen.
Ein anderer Blickwinkel kann sinnvoll sein: Über unsere Drohne wird die Übung aus der Luft analysiert. Wie ist die Fahrzeugaufstellung? Bleibt ausreichend Platz für die Durchfahrt von weiteren Einsatzfahrzeugen? Wo wurden Ablageplätze für Geräte und Schrott festgelegt? Wurden Absperrungen richtig aufgebaut?
Warum dieser Aufwand?
Solche Übungen sind aufwendig. Sie erfordern Fahrzeuge, Material, Platz, Organisation und viele Helfer im Hintergrund. Doch der Aufwand lohnt sich. Denn im echten Einsatz gibt es keine zweite Chance.
Wenn wir üben, trainieren wir nicht für die Übung selbst - wir trainieren für den Moment, in dem Menschen auf schnelle und professionelle Hilfe angewiesen sind. Unser Ziel ist klar: Im Ernstfall soll jeder Handgriff sitzen und die Zusammenarbeit aller Beteiligten reibungslos funktionieren.
Die Vorbereitung einer solchen Übung kann aufwändig sein. Während sich die Übungsteilnehmer beim Mittagessen stärken, wird bereits die nächste Einsatzlage vorbereitet. Mit schwerem Gerät werden Fahrzeuge deformiert und in die geplante Unfalllage gebracht.
Die Verletztendarsteller werden geschminkt und instruiert. Selbst kleinste Verletzungen werden realitätsnah aufgebracht und mit Kunstblut versehen.
Weitere Impressionen von dieser Übung
Bilder von Übung 1
Bilder von Übung 2
Bilder von Übung 3
Bilder von der Abschlussübung